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Antisemitismus heute | Michael Wolfssohn im Gespräch

Michael Wolffsohn im Gespräch
Michael Wolffsohn im Gespräch

BUCHBESPRECHUNG

Antisemitismus heute | Michael Wolfssohn im Gespräch

Rezension von Prof. Dr. jur. Dieter Müller, Bad Dürrenberg, in Die POLIZEI 10/2020

„Eine Journalistin im Gespräch mit einem emeritierten Geschichtsprofessor. Ein Buchvorhaben könnte spannender beginnen. Das Gesprächsthema: Antisemitismus heute. Ähem … hatten wir das nicht schon hundertmal? Stimmt zwar, doch nicht in dieser genialen Verbindung mit geschichtsträchtigem Lesestoff aus der Aufklärung, nämlich dem Ideendrama »Nathan der Weise« von Gotthold Ephraim Lessing. Das wurde zwar auch schon oft publiziert, aber nicht mit einem Interview über ein stets aktuelles politisches Thema als dessen Einleitung.”

Zum Interviewpartner Michael Wolffsohn, der von der Journalistin Susanne Schmugge vom Schweizer Radiosender SFR2 ins Kreuzverhör genommen wurde, gäbe es viel zu sagen. Eine der aus Sicht des Rezensenten wichtigsten Qualitäten, die insbesondere für Polizeistudenten interessant sein sollte, ist dessen Auszeichnung als »Hochschullehrer des Jahres 2017«, die er vom Deutschen Hochschulverband verliehen bekam. Mit diesem Prädikat können sich nur äußerst seltene Exemplare der in Deutschland beheimateten ca. 30.000 Professorinnen und Professoren schmücken. Seine Streitbarkeit als Hochschullehrer wird vom Radiosender höflich mit der Eigenschaft umschrieben, » Er sei einer, der anecke und sich gerne zwischen alle Stühle setze.« Anecker braucht jede streitbare Gesellschaft: und Menschen, die Aneckern zuhören, weil nur Querdenker wie sie Selbstverständlichkeiten in Frage stellen, mit denen man es sich in der guten Stube bequem gemacht hat.

Aber nun in medias res.

Wolffsohn beginnt seine Antworten auf die klugen Fragen der Journalistin mit seiner Feststellung, es gäbe zwei Arten des Antisemitismus (S. 7), nämlich den diskriminatorischen, der die Juden wenigstens am Leben lasse und den liquidatori­schen, der alle Juden vernichten wolle, eben deshalb, weil es Juden sind. Einen aktuelle Impetus erhielt das im Spätherbst 2019 geführte Gespräch durch den kurz zuvor stattgefundenen antisemitisch motivierten Anschlag von Halle, bei dem ein Straftäter versucht hatte, am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur die Tür der Hallenser Synagoge gewaltsam zu öffnen und darin potenziell ein Blutbad anzurichten (er tötete im Anschluss an diesen gescheiterten Versuch mit seinen selbstgebauten Waffen wahllos eine Passantin und einen Mann, ehe er festgenommen werden konnte). Wolffsohn konstatiert der Politik und Sicherheitsbehörden »handwerkliches Versagen« (S. 9) und hat damit fraglos Recht.

Die größere Gefahrenquelle für jüdische Mitbürger drohe allerdings vom muslimischen. Antisemitismus und nicht durch rechtsradikal motivierte Straftäter. Besonders bemerkenswert konstatiert der Historiker, dass wir in Deutschland mit den muslimischen Zuwanderern aus dem Nahen Osten quasi »den Nahostkonflikt importiert« haben (S. 13). Auch damit hat er Recht. Aber er bleibt nicht nur bei derlei innenpolitischen Prämissen stehen, sondern will auch pragmatische Lösungen anbieten. Eine davon ist die notwendige Überwindung eines schwachen Staates, der vorhandene Gesetze nicht strikt anwendet und die Erkenntnis, dass Deutschland sich zutiefst selbst schadet, wenn es zulässt, dass hoch qualifizierte und dem deutschen Staat zutiefst loyal gegenüberstehende jüdische Mitbürger ihren ganz persönlichen Schutz vor Anfeindungen und Lebensgefahren nur in einem Exodus gen Israel sehen (S. 19 f.).

Keineswegs hilfreich seien aber auch einseitige Klischees wie z.B. der im Hochmittelalter zur Stigmatisierung jüdischer Mitbürger erfundenen Tiermetapher der »Juden-Sau«, aber auch die idealisierende Betrachtung des Judentums in Lessings Drama »Nathan der Weise« (S. 33 f.). Das Fazit des Historikers und durchaus selbstkritischen Menschenfreundes lautet: » Was wir brauchen, ist die Realität, die Offenheit. Unbefangenheit, Unverkrampftheit.« (S. 35 f.)

Die Inhalte eines Interviews sind dabei immer nur so treffend wie die Fragen des Interviewpartners, in diesem Fall von der bestens aufgelegten Journalistin Susanne Schmugge, der ein besonderer Dank für ihre sorgsame Recherche und einfühlsame Fragestellung gebührt.

Nicht anders als kongenial vom Verlag organisiert ist auch die Zusammenstellung des Interviews mit dem Drama von Lessing. Einmal mehr sticht aus dessen Spätwerk die Ringparabel heraus und damit ein geniales Filetstück deutscher Literaturgeschichte. Das ganz persönliche Plädoyer des in der sächsischen Kleinstadt Kamenz aufgewachsenen Schriftstellers für Toleranz zwischen den drei Weltreligionen Judentum, Islam und Christenheit und eine allumspannende Humanität als Lebensmaxime bietet auch für unsere heutige Zeit ein bemerkenswertes Rezept zum friedlichen Miteinander. Die Aufklärung scheint dabei eine Daueraufgabe der Menschheit zu sein, wenn man betrachtet wie die verschiedenen Völker und die aus ihrem besonderen Nährboden erwachsenden extremistischen Gruppierungen immer wieder in das dunkle Zeitalter vor der Aufklärung mit dessen Folgen der Abgrenzung, Ausgrenzung und Verfolgung Andersdenkender zurückverfallen. Der Jude Nathan sagte nicht zu Unrecht über die drei Brüder, die von ihrem Vater nach dessen Ableben mit drei identischen Ringen beschenkt wurden, die im übertrage­nen Sinne die Weltreligionen darstellen sollen: »Die Ringe wirken nur zurück? Und nicht nach aussen? Jeder liebt sich selber nur am meisten? Oh, so seid ihr alle drei Betrogene Betrüger/ Eure Ringe sind alle drei nicht echt.«

Dieses Stück Weltliteratur sollte in jeder Generation Pflichtlektüre bleiben und auch ein Student an einer Polizeihochschule tut gut daran, sich an diese Lektüre aus seinem Abiturwissen zu erinnern. Das Gespräch mit Michael Wolffsohn lässt allerdings dieses Drama in einem ganz neuen, brandaktuellen Licht erscheinen.

Prof. Dr. jur. Dieter Müller, Bad Dürrenberg

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