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Mut zu kritisch, individuellem Denken | Rezension zu Konrad P. Liessmann von Marion Fugléwicz-Bren

Konrad-Paul-Lissmann
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Mut zu kritisch, individuellem Denken | Rezension zu Konrad P. Liessmann von Marion Fugléwicz-Bren

Dieser Band ist nicht so sehr als Biographie denn als ausführliches Interview oder als Porträt – wie es auch vom Verlag bezeichnet wird – zu verstehen. Das ist auch gleichzeitig die Stärke dieser Arbeit, die sich statt einer bloßen chronologischen Aufzählung der Lebensereignisse Prof. Liessmanns vielmehr mit seinen Gedanken und seiner intellektuellen Entwicklung auseinandersetzt.

Diese Übung lohnt sich gerade auch für den, dem er noch kein Begriff ist, denn Liessmann passt nicht in vorgefertigte Kategorien. In einem Interview mit der „Presse“ vom Mai 2015 erklärte er: „In der Wirtschafts- und Sozialpolitik würde ich mich durchaus noch als links bezeichnen. In der Kultur, der Bildung würde ich mich eher bürgerlich einordnen. […] Und beim Gendern der Sprache bin ich stockkonservativ.“[1]

So kennt man ihn auch aus seinen Kolumnen in der „Neuen Zürcher Zeitung“: Er ist ein Denker, der auf wohltuende Weise davon absieht, sich dem Zeitgeist zu beugen. Das kommt in der Genderfrage zum Tragen, wenn er sich durch die Anrede „Sehr geehrt* Liessmann“ seitens einer Fakultätsmitarbeiterin seiner Universität befremdet fühlt, die ihn zwei Jahrzehnte lang als „Herr Liessmann“ angesprochen hat, und dies als „verachtende Verdinglichung“ qualifiziert.[2]

Seine Haltung findet aber ebenso in der Klimadebatte seinen Ausdruck; in Liessmanns Reaktion auf den Regierungsbeschluss, die Wirtschaft coronabedingt zum Stillstand zu bringen; in seinen Argumenten gegen das scharfe Entweder-Oder in den öffentlichen Diskussionen zu Kolonialismus und Rassismus, wie sie derzeit in den Vereinigten Staaten toben; auch ganz allgemein zum Umgang mit der Vergangenheit. Stets erweist sich Liessmann als ein Denker, der eher verstehen als verurteilen will – im Gegensatz zu vielen anderen. Vor allem erscheint er als ein kritischer Denker, der seinen Standpunkt triftig begründen kann, anstatt einem medialen Herdentrieb zu folgen. Was damit gemeint ist, versteht er als Professor für Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik an der Universität Wien nur allzu gut.

Seine Einsichten wie „Wer das Mittelmaß zum Maßstab macht, wird eben immer nur Mittelmaß produzieren“ stehen in erfrischendem Widerspruch zum nivellierenden Ethos unserer Tage. Ganz in der Tradition der Aufklärung stellt Liessmann das Individuum über Gruppenzugehörigkeit nach Hautfarbe, Geschlecht, ethnischer Herkunft oder anderen Kriterien, im Gegensatz zur Tendenz der politischen Korrektheit. Auf keinen Fall dürfen die Rechte des Individuums gegen die Rechte von Gruppen ausgespielt werden, so Liessmann. Darauf angesprochen, verweist er auf Karl Marx’ Definition einer Ideologie: „Ideologie ist ein gesellschaftlich notwendiges falsches Bewusstsein.“ Hervorhebenswert findet Liessmann in dieser Definition, dass die Ideologie keinen Wahrheitsgehalt habe, und die Weltsicht unvermeidlicherweise vereinfacht, weil „die Analyse, dass Denken sich immer nur auf dem Stand einer Zeit bewegen kann, immer gefangen ist in den Verhältnissen, die es doch begreifen will.“ (S. 49)

Es ist ebenso schwer wie irreführend, Liessmann in einer Kategorie wie „konservativ“ oder „revolutionär“ einordnen zu wollen. Er betrachtet sich selbst in erster Linie als Kritiker – also als freier Individualist, der seinen eigenen Standpunkt vertritt. Auf sein Privatleben angesprochen, entgegnet Liessmann: „Nur, weil man allein lebt […] muss man nicht einsam sein.“ (S. 53-4) Dabei ist der Professor kein exzentrischer Eigenbrötler, sondern habe „auch immer in Beziehungen gelebt“, natürlich ebenso in einem Freundeskreis; und teilt seine Wohnung, in der er gerade einmal Küche und Schlafzimmer von ihnen freihalten konnte, mit zahllosen Büchern.

Der Digitalisierung steht er aufgeschlossen gegenüber, nicht zuletzt, weil er sich so Platz in seinen Regalen spart. In seinen eigenen Worten: „Man muss das Internet wirklich nicht verteufeln, es genügt, es nicht überzubewerten.“ (S. 57)

Neben diesem aktuellen Thema fragt ihn die Autorin zur Heimat, zum Selbst- und Fremdbild, zur ausgeglichenen Lebensgestaltung, zu den Schönen Künsten und Richard Wagners Musik. Ein Fragebogen rundet diesen Band ab, durch den man sich dank Liessmanns knapper, präziser Antworten ein erstes Bild seiner Persönlichkeit machen kann. Man bekommt vor allem Lust, nachdem man dieses Porträt in kurzer Zeit durchgelesen hat, die Schriften von Liessman selbst zur Hand zu nehmen, etwa die Aufsatzsammlung Der gute Mensch von Österreich (1995) oder Theorie der Unbildung. Irrtümer der Wissensgesellschaft (2006). Wir können uns glücklich schätzen, einen Denker wie Liessmann zu unseren Zeitgenossen zu zählen, der den manchmal unerträglich repetitiven Sturm des Zeitgeistes dank seines Muts zu kritischem, individuellem Denken überragt wie ein Fels in der Brandung.

Dr. Max Haberich – Autor und Literaturwissenschaftler www.maxhaberich.com

 

[1] Oliver Pink, Konrad Paul Liessmann: „Beim Gendern der Sprache bin ich stockkonservativ“.

https://www.diepresse.com/4728024/konrad-paul-liessmann-beim-gendern-der-sprache-bin-ich-stockkonservativ (1.7.2020).

[2] Konrad Paul Liessmann: Verachtende Verdinglichung: «Sehr geehrt* Liessmann». https://www.nzz.ch/meinung/kolumnen/verachtende-verdinglichung-sehr-geehrt-liessmann-ld.1542346 (3.7.2020).

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